Stapelweise
Stapelweise
RSS 2.0 RDF 1.0 Atom 0.3
Statistik
Einträge ges.: 1899
ø pro Tag: 0,6
Kommentare: 3782
ø pro Eintrag: 2
Online seit dem: 07.12.2003
in Tagen: 3085

Ausgewählter Beitrag

Auf dem Weg zu mir selber

 

Vor etwa einem Jahr habe ich angefangen zu bloggen, damals noch bei Myblog.
Damals war ich orientierungslos in meinem Leben, durch die angeschlagene Gesundheit des WBE und die Belastung habe ich es nicht mehr geschafft, meine jahrelangen Verhaltensstrategien aufrecht zu halten und bin hoffnungslos überfordert gewesen mit meinem ganzen Leben und vor allem mit mir. Auf der Suche nach der Ursache glaubte ich, sie in der möglichen Diagnose ADS gefunden zu haben und habe mich selber dauernd analysiert und beobachtet und fühlte mich bestätigt, dass ich ja überhaupt gar nichts dafür kann, dass ich bin, wie ich bin. Doch immerhin war ich doch noch so realistisch, dass ich wusste, wie heikel so eine Eigendiagnose sein kann und habe mich richtig abklären lassen, in der festen Erwartung, all meine Gedankengänge bestätigt zu bekommen. Nur war das nicht so. Statt eine "Ausrede" dafür zu bekommen, dass ich bin, wie ich bin, musste ich mich der Tatsache stellen, dass ich selber "schuld" bin, wie ich bin, dass ich mir die meisten meiner Schwierigkeiten selber gemacht habe, weil ich mich manchen Dingen einfach nicht stellen wollte und konnte. Die Diagnose hat mir erst mal fürchterlich den Boden unter den Füssen weggezogen, weil sie am Kern meiner Seele gekratzt hat.

Doch es war meine Chance. Heute bin ich froh darüber, dass ich dieses fehlende Puzzleteil bekommen habe, bekam ich doch dadurch die Gelegenheit, mir selber auf die Schliche zu kommen und mich von all den Trugschlüssen zu trennen, mit denen ich mir jahrelang selber etwas vorgemacht habe. Ich habe sie rausgeschmissen, ausgekehrt, weggefegt - und stand dann ziemlich mit abgesägten Hosen mitten in meinem Leben, in mir den Drang, jetzt aber alles anders zu machen.

Ich habe viel Glas zerschlagen in dieser Zeit, aber ich habe festgestellt, dass es um manche Gläser nicht schade war und dass ich doch Menschen um mich herum hatte, die mir halfen, die Scherben zusammenzukehren.

Ich bin nicht mehr, wie ich vor einem Jahr war und ich bin froh drüber. Weil ich bei mir angekommen bin, weil ich mich sehen kann, wie ich BIN und nicht, wie ich mich sehen will, komme ich ganz gut mit mir aus. Manche Fehlverhalten habe ich durch eisernes Training verändert, manche Dinge habe ich als Teil meiner selbst akzeptiert, aber ich muss endlich nicht mehr auf ein Ziel hinleben, das gar nicht meines ist.

Dass all das direkte Auswirkungen auf meine Familie und mein Umfeld hat, versteht sich von selber. Ich bin in vielem gelassener geworden, ich fühle mich wohl - und das überträgt sich auf die Kinder, auf den WBE, der sich auf seine Arbeit konzentrieren kann, statt hier zu Hause dauernd Krisenbewältiger spielen zu müssen (nur noch ab und zu *g*) Ich bin alles andere als perfekt - und genau das ist das gute daran - ich möchte auch nicht mehr perfekt sein, ich schwanke nicht mehr dauernd zwischen zwanghaftem Perfektionismus und gnadenlosem Schlampentum, angetrieben vom schlechten Gewissen wegen irgendwelcher ominösen Lebensdevisen in meinem Kopf.

Ich glaube, dass ich diese Krise gebraucht habe, um mich nicht mehr zu flüchten in mein falsches Selbstbild, das gestrotzt hat vor Aufopferung, Perfektionismus und unverarbeiteten Dingen. Bin ich angekommen bei mir selber? Das wage ich nicht zu behaupten - aber ich bin zumindest jetzt auf dem richtigen Weg dahin...

 

Jac 07.09.2004, 09.43

Kommentare hinzufügen











Kommentare zu diesem Beitrag

7. von Engelbert

wunderschöner Text ... und eine verdammt richtige Straße auf der Du gehst.

Würde ich
heute
dem Menschen
der ich vor 5 Jahren war
begegnen
ich würde mich
nicht wieder erkennen

Vielleicht würde ich mir aber ein paar gute Tipps geben ;) .

vom 08.09.2004, 12.10
Antwort von Jac:

Danke für Deine Worte, Du bist nicht ganz unschuldig daran, dass ich mich nicht mehr versteckt habe ;-)
6. von Kasimir

Ja eine Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung.
Und das ist Anlass zu Freude.
So unangenehm es sich auch anfühlt, während es stattfindet.

vom 08.09.2004, 10.28
Antwort von Jac:

...aber es geht vorbei und man kommt dem Ziel näher...
Danke!
5. von

So ehrlich! Ich hab mich gar nicht getraut was dazu zu schreiben.
Ich fühle mich als Leser geehrt, (hört sich komisch an) teilhabe zu dürfen an Dir, an Deinem ganz persönlichen.

ICh erkenne einiges wieder und ich wünschte ich könnte wie Du schon sagen "war" statt dessen heißt bei mir vieles noch "ist" :o)
Dioeses Schwanken zwischen Perfektion und das scheitern am eigenen Anspruch.
Das kenne ich gut!
Manchmal auch ein unterfordert, überfordert zu sein.
Und auch diese vielen komischen Devisen aus Urgroßmutters Zeiten "erst die Arbeit..."; "Ordnung ist das halbe Leben"; "Was Du heute kannst besorgen..." bis hin zu der Frage "womit habe ich das verdient?" als wäre alles verdienbar und verschuldet.

So jetzt schreib ich nur von mir, ich Hunh, dabei wolltwe ich doch DANKE sagen für diesen Deinen Blog und für die Ehrlichkeit mit der Du hier Deinen Weg mit uns teilst.

Und dann wollte ich Dir noch einen frechen Spruch dalsaaen. ;o)

"Wir glauben, dass wir mit dem Älterwerden klüger werden.
Das ist ein Irrtum.
Älterwerden Bedeutet nicht, dass wir klüger werden. Es bedeutet das wir zu uns finden, dass schließt ein dümmer werden nicht aus. "
Friedhelm Kändler

Einen giten Tag Dir!

Silke

vom 08.09.2004, 07.35
Antwort von Jac:

Ich kann gut damit leben, ein bisschen dümmer zu werden ;-) - es ist noch genug Klugheit da *ggg*
4. von Ela

Ich freue mich sehr für Dich,liebe Jac, denn ich weiß was es heißt an sich zu arbeiten. Weiß auch, wie weh es tut seine dunklen Seiten zu erkennen und zu akzeptieren.
Ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles Gute auf Deinem neuen Weg ;0)
Ganz liebe Grüße an Dich, Ela

vom 07.09.2004, 22.47
Antwort von Jac:

Liebe Ela, dasselbe wünsche ich Dir auch - Du kämpfst ja auch Deine täglichen Kämpfe auf einem neuen Weg aus... ((ela))
3. von Astrid

Beneidenswert, was nicht heißt, dass ich es dir, liebe Jac nicht von ganzem Herzen gönne :)

Liebe Grüße
Astrid

vom 07.09.2004, 15.55
Antwort von Jac:

Danke, Astrid :-)))
2. von andrea

vor langer zeit einmal gelesen im netz:

ich kannte einen menschen
der von allen seiten perfekt aussah;

von vorn,
von hinten,
von links,
von rechts,
von oben,
von unten;

nur nicht von innen.
(unbekannt)

so wünsche ich dir, liebe jac, dass du mit deinem innern so oft wie möglich im reinen bist - wer sich selbst achtet und schätzt, der hat es nicht (mehr) nötig dem bild der perfektionistin nachzurennen :o)

alles liebe für dich, andrea

ps: das mit dem bloggen habe ich mir auch schon überlegt ;o)

vom 07.09.2004, 13.20
Antwort von Jac:

Danke für Deine Worte - und wenn Du je anfängst, bittebitte verrat mir die URL Deines Blogs :-)
1. von sandy

liebe jac

ich freue mich für dich das du auf dem richtigen weg bist, dass du weißt wie du bist!
bei mir wird das noch ein weilchen dauern, momentan hab ich keine kraft für eine schonungslose selbstanalyse:-(.

liebe grüße
sandy

vom 07.09.2004, 10.44
Antwort von Jac:

(((sandy)))
Sich jeden Tag durchkämpfen, auch wenn man eigentlich schon lange nicht mehr mag, ist eine reife Leistung - dies manchmal mit einem Lächeln im Gesicht zu tun, ist schon Kunst - und ich bin mir sicher, das kannst Du!